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Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

 
Angefangen hat alles mit der Pubertät, im Alter von etwa 12 Jahren. Nicht, daß ich vorher keine Probleme gehabt hätte. Ich war depressiv, hatte keine Freunde, konnte in der Schule keinen Anschluß finden und hab in meiner Freizeit fast nichts unternommen, als nur zu Hause rumzuhängen. Daß es mir schlecht geht, ist niemandem aus meiner Familie richtig aufgefallen, und ich konnte auch mit keinem darüber reden. Vielleicht hab ich deswegen mit 12 plötzlich angefangen einfach nichts mehr zu essen, weil ich mich nach außen hin so zerbrechlich und verletzlich zeigen wollte, wie ich mich innerlich gefühlt hab und wie ich es mit Worten nicht ausdrücken konnte. Zwar ist meine Mutter wegen der psychosomatischen Beschwerden, die ich damals hatte, oft mit mir zum Kinderarzt gegangen, doch der meinte immer nur, es wäre noch alles im Rahmen, obwohl ich schon deutliches Untergewicht hatte. Den Namen meiner Krankheit hab ich dann in der Stadtbücherei erfahren: Magersucht. Erst durch die Fachliteratur bin ich auf viele Ideen überhaupt erst gekommen. Mir wäre z.B. nie selbst eingefallen, daß man Essen wieder erbrechen kann, um abzunehmen. Im Lauf der Jahre habe ich auch zu immer radikaleren Methoden gegriffen, mehr Sport gemacht, und schließlich auch Medikamente mißbraucht, z.B. Abführmittel, die man in der Apotheke frei kaufen kann. Die erste, die sich Sorgen um mein Gewicht gemacht hat, war meine Psychotherapeutin, als ich 15 war. Da hatte ich bereits so stark abgenommen, daß ich in eine Klinik eingewiesen werden mußte.
In den Medien heißt es immer, Magersüchtige würden abnehmen wollen, um schöner zu werden. Bei mir war das nie so. Hungern ist für mich nur ein Weg, Aggressionen, die ich nicht nach außen zeigen kann, gegen mich selbst zu wenden und anderen zu zeigen, daß ich mit meinem Leben nicht zurechtkomme und Hilfe brauche. Ein Mittel, um nicht erwachsen werden zu müssen und Kind bleiben zu dürfen.
Magersucht ist kein schleichender Prozeß, sondern eine bewußte Entscheidung fürs Hungern zur Kompensation anderer Probleme. Dadurch, daß alle Gedanken nur um Dinge wie Körpergewicht und Kalorien kreisen, lenkt man sich selbst von seinen eigentlichen Problemen ab. Zwar bin ich seit über 10 Jahren in ambulanter und stationärer Therapie und habe viel über mich und die vermutlichen Ursachen meiner Krankheit gelernt - aber wirklich besser geht's mir nicht.
Heute bin ich 25, studiere Medizin und bin immer noch nicht vom Hungern losgekommen. Mein Tag beginnt morgens damit, daß ich mich auf meinen beiden Waagen wiege, denn zur Sicherheit kann ich mich nicht nur auf eine Waage verlassen. Hab ich abgenommen, geht?s mir gut, denn dadurch bekomme ich die Bestätigung, etwas leisten zu können, auch wenn ich sonst im Leben nichts mehr hinbekomme. Zunehmen bedeutet, versagt zu haben. Um mich wohl zu fühlen, müßte ich also eigentlich ständig weiter abnehmen, um morgens wieder das Erfolgserlebnis zu haben. Durch das ständige Leben am Limit gibt einem der Körper auch ein Hochgefühl, und man wiegt sich in der Illusion, mehr leisten zu können als je zuvor - nur wie lange noch? Ob ich meine Krankheit je werde besiegen können, oder ob ich mich mein Leben lang damit arrangieren muß, kann ich heute noch gar nicht sagen.
0815tussi meinte am 6. Jul, 13:21:
gedanken dazu
in der hoffnung, dir damit nicht zu nahe zu treten.
ich habe das in der vergangenheit schon einige male erlebt, dass menschen durch die übermäßige mediale thematisierung gewisser krankheitsbilder überhaupt erst gelernt haben, diese für sich selbst zu "perfektionieren".
dass es dabei vor allem um "schönheitswahn" geht, ist natürlich humbug, aber auch das gibt es vermehrt: durch berichte über bulimie quasi eine neue form der "diät" kennenlernen. in den ursprüngen ist anorexie/bulimie meist der versuch, die eigene körperlichkeit zu beseitigen, sich selbst quasi zum verschwinden zu bringen.

die starke mediale thematisierung hat noch einen weiteren aspekt. in dem moment, in dem das phänomen einen namen mit hohe bekanntheitsgrad hat, kann es irgendwann auch identitätsstiftend wirken. ICH BIN magersüchtig, depressiv etc. -> ich gehöre wo dazu.
was die alternative dazu wäre, weiß ich allerdings auch nicht, weil totschweigen ebenfalls keine lösung sein kann. nur dieses schaffen einer "schublade", einer scheinbar homogenen gruppe, zu der man/frau "gehört", das halte ich für problematisch.

persönliche frage: @therapie: bist du seit 10 jahren bei dem/der selben therapeuten/therapeutin? hast du verschiedene therapierichtungen ausprobiert? 
Sternlichtkind antwortete am 6. Jul, 17:36:
einige antwortversuche dazu
Ich bin diejenige, über die Fabian das Portrait geschrieben hat, und ich hoffe, es ist auch für ihn okay, daß ich mich jetzt hier "einschalte", aber ich muß einfach antworten...

>in den ursprüngen ist anorexie/bulimie meist der versuch, die eigene körperlichkeit zu beseitigen, sich selbst quasi zum verschwinden zu bringen.<
Sicher - es ist quasi "Selbstmord auf Raten". Und bei vielen, auch bei mir, ist das volle Absicht.

>kann es irgendwann auch identitätsstiftend wirken.<
Das ist ein wichtiger Aspekt, über den ich mit Fabian auch gesprochen habe, über den man aber besser einen eigenen Artikel schreiben sollte, statt zu versuchen, das noch irgendwie in das Portrait zu "quetschen".
Es gibt inzwischen im Internet ja Communities, deren Grundlage Eßstörungen sind, und der neuste "Trend" ist, Magersucht als "Lifestyle" zu betrachten und darüber sein "Anderssein-Wollen" zu definieren. Darüber habe ich gerade im Rahmen eines Seminars an der Uni einen Vortrag geschrieben.

>bist du seit 10 jahren bei dem/der selben therapeuten/therapeutin? hast du verschiedene therapierichtungen ausprobiert? <
Ich hatte in dieser Zeit fünf verschiedene ambulante Therapeuten, war zweimal für längere Zeit in einer Klinik, habe mich an verschiedene Beratungsstellen gewandt.
Ja, ich habe verschiedene Therapierichtungen ausprobiert, eigentlich so ziemlich alles, was von der Krankenkasse übernommen wird, u.a. tiefenpsychologisch fundierte Therapie, Psychoanalyse und Körpertherapie.

Warum mir das alles bisher eigentlich nicht wirklich geholfen hat, weiß ich nicht. Habe ich selbst in der Therapie versagt? Was mache ich falsch? Oder ist "Überleben an sich" schon als Therapieerfolg zu werten? 
0815tussi antwortete am 6. Jul, 19:32:
schön, dich "persönlich" dazu zu lesen
dein vortrag würde mich interessieren. wäre es möglich, dass du ihn hier veröffentlichst, oder darf ich dir eine mail-addi geben?

was es sicher nicht gibt, ist ein "versagen" in der therapie, zumindest nicht von seiten der klientin. DU machst sicher nichts falsch in der therapie, es sei denn, du machst sie nur aufgrund äusseren drucks, doch danach klingt es mir nicht.
"überleben" ist immer ein sieg. damit jedoch kann man/frau wohl kaum "zufrieden" sein.
ganz persönlich (nicht in zusammenhang mit essstörungen) hatte ich sehr gute erfolge in der annäherung an alte traumatische erfahrungen bzw. verdrängte problematiken durch techniken des psychodramas und teilweise sogar durch eine familienaufstellung. worauf jemand anspricht ist natürlich immer individuell sehr verschieden. 
suna meinte am 6. Jul, 14:46:
hoffnung
es gibt beispiele, die zeigen, dass man sich nicht damit arrangieren muss, sondern das es tatsächlich heilung gibt. eine sehr gute freundin war über sechs jahre lang krank. ich und ihr gesamter freundeskreis standen dem sehr hilflos gegenüber, sie kapselte sich sehr ab. doch sie hat es geschafft. weil sie wusste, dass wir an sie glauben und weil sie lernte, an sich selbst zu glauben. essen ist etwas so unendlich schönes, ich wünsche dir von ganzem herzen, dass du lernst, es zu genießen. 
 

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